Zitat:
Mehr als jedes zehnte Kind entwickelt in den ersten Lebensmonaten eine ausgeprägte Essstörung, die sogenannte Fütterstörung, eine frühkindliche Regulationsstörung. Doch dafür ist Klara zu alt. Mit drei Jahren befindet sie sich in der sogenannten Trotzphase, in der Kleinkinder ihre Grenzen ausloten. "Ein Kind kommt zwar mit eigenem Charakter und Temperament auf die Welt, aber es weiß nicht, wie die anderen Menschen auf sein jeweiliges Verhalten reagieren und muss sich ausprobieren", sagt Kinderpsychiaterin Rohde.
Essensverweigerung gehört zur Persönlichkeitsentwicklung eines Kindes, heißt es in den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendlichenpsychiatrie. Oft geht es bei Nahrungsverweigerung um kindliche Autonomie. Das Kind will seine Selbständigkeit behaupten. Das Schlachtfeld für die Machtkämpfe ist der Esstisch.
Klaras Mutter musste sich in der Klinik beim Essen mit der Tochter filmen lassen, so können Ärzte sehen, was sich am Tisch abspielt. Anschließend wurde das Video gemeinsam analysiert. Ein schmerzhafter Moment. "Ich habe alles falsch gemacht, es war beschämend für mich als Mutter."
Ein Gefühl, das Eltern der Psychologin Rohde oft schildern. Die Aufzeichnung sei wichtig, damit sich die Erwachsenen aus der Distanz sehen. "Essstörungen haben viel mit Interaktion zu tun", so Rohde. Eine Mutter habe beispielsweise ständig auf ihren Sohn eingeredet beim Essen, so dass der nur zuhörte anstatt zu essen. Manche Eltern versuchen, das Kind mit Spielzeug zum Essen zu bringen. Ebenfalls ein fataler Fehler, sagt Rohde. "Es ist schwer, so etwas wieder abzuerziehen."
Klaras Mutter, so dokumentiert es der Film auf erschütternde Weise, flehte regelrecht. Doch Klaras Wille, sie zu besiegen, schien größer als der Trieb zum Überleben. Keinen einzigen Bissen schluckte die Dreijährige während der Videoaufnahme.
Die Kamera zeigt: Klaras Mutter wird von ihrer Angst gelenkt. Man sieht sie angespannt, die Haltung regelrecht verkrampft, die Stirn von Sorgenfalten durchzogen, den Mund verkniffen, die Stimme überdreht. "Hätten Sie bei so einem Anblick Appetit?", fragt die 44-Jährige selbstkritisch.