Zitat:
Heilung? Was ist Heilung? Und wie und wieso will man etwas heilen, das gar keine Krankheit ist?
Nehmen wir mal meine schiefen Zähne, die FrauFachmann so fürchterlich findet. Mich stören sie, wie gesagt, nicht. Und im Gegensatz zu anderen Leuten, die andauernd zum Zahnarzt rennen und sich den Mund mit Amalgam veredeln lassen, hatte ich noch nie Zahnprobleme. Aber manchen Leuten ist halt wichtig, dass Zähne gerade sind. Gut, man könnte auch meine etwas verschieben und verrücken, das würde einen Haufen Geld, viele Arztbesuche und andere Unannehmlichkeiten kosten, und am Ende wären die vielleicht gerade. Wäre ich dann geheilt?? Nö, geheilt wären dann andere Leute, und zwar vom ungeraden Anblick meiner Zähne, dem sie ausgesetzt wären, wenn ich die ihnen zeigen würde. Gewissermaßen wäre dann auch ich geheilt, und zwar von Belästigung durch Leute, die meinen, dass meine Zähne eine Begradigung bräuchten.
Unter Heilung unkranker Nonkonformitäten versteht man offenbar eine äußere Annäherung an eine Norm, die nur durch Unterdrückung eigener Verhaltensweisen zu erreichen ist, und ob das auf Dauer wirklich so heilsam oder überhaupt gesund ist, möchte ich mal bezweifeln. Erfolg jeder Art setzt man oft und gerne mit Heilung gleich: ist ein Autist irgendwo erfolgreich, gilt er als geheilt. Das halte ich für Unsinn, wer sagt, dass man nicht autistisch und (nicht aber oder trotzdem) erfolgreich, qualifiziert, selbständig etc. sein kann? Das Niederschmetternde am Autismus-Konzept tut das, die Definition als „debilitating disease“. Man wacht darüber, dass bloß nichts Gegenteiliges durchsickert, man verteidigt es mit Händen und Füßen. Wer erfolgreich ist, kann nicht autistisch sein, Basta. Du hast keine Ahnung, was Autismus ist, du kannst ja sprechen, duuuu bist ja kein Autist. Mein Sohn ist Autist, er kann nicht sprechen, er wird nie sprechen können, er wird ...nieeee... *buuuuhuhuuuu*, er wird nie... heiraten können, Kinder... duuu hast kein Recht, dich Autist zu nennen, mein Sohn ist Autist, du bist nicht wie mein Sohn. Naja, so ähnlich. Deswegen: jeder erfolgreiche Autist ist einfach kein Autist.
Und bei mir ist der Zusammenhang genau andersherum: meine Erfolgsphasen waren nach außen hin unübersehbar autistisch, und in den Lebensabschnitten, in denen ich quasi als sozial annehmbar gefeedbackt wurde, brachte ich sonst nichts mehr zustande, als sozial annehmbar zu spielen. Es geht halt nicht beides gleichzeitig, und für was immer man sich entscheiden mag, mit „Heilung“ hat es nichts zu tun.
Man kann außerdem nicht einfach ein Stück von mir rausreißen und dann behaupten, immer noch mich vor sich zu haben. Das wär dann ein Zombie, aber das interessiert manche Leute gar nicht. Und manche stehen auf Zombies.
Erfolg ist sowieso ein anderes Thema, was ist denn Erfolg überhaupt? Ich würde sagen, ein Volltreffer, und ein Volltreffer setzt sich zusammen aus 1. Ziel, 2. Weg zum Ziel und 3. Ankommen am Ziel. Ist es mein Ziel, ein vorbeifahrendes Auto mit einer leeren Milchflasche zu treffen und zwar indem ich die Flasche auf linkem Fuß balancierend, mit verbundenen Augen und mit ner Wäscheklammer auf der Nase aus dem Fenster im 4. OG runterschmeiße und anschließend ein Gelingen registriere *schepper*, dann ist es glasklar Erfolg. Aber die gängige Definition des Erfolgs beinhaltet vor allem Anerkennung für etwas, das Leute um einen herum für erstrebenswert halten. Was genau das ist, hängt davon ab, was Leute um einen herum für erstrebenswert halten, und nur selten ist es etwas, das sich mit autistischem Verhalten erreichen läßt, weil die Leute um einen herum für ihre angestrebten Ziele andere Wege vorgesehen haben. Hinzu kommt dann auch, dass Interessen und Wertigkeiten ja so verschieden sein können, dass Dissonanzen zwischen wollen und sollen niemals abklingen, und man entweder das tut, was man will und dabei auf Anerkennung verzichtet, oder eben was man soll, um weniger anzuecken, aber so irgendwie halt, oder man versagt ganz. Die glücklichen Ausnahmen sind dann wie jemand, den ich als Kind kannte, der heute ein weltberühmter Musiker ist, der von klein auf nur das musste, was er konnte und wollte, und von dem niemand verlangte, dass er auch noch ein wenigstens mittelmäßiger Sportler wird und mit Klassenkameraden gut auskommt und was weiß ich nicht alles. Er musste nicht "normal" sein, weil er war schon Etwas Besonderes. Aber was wäre gewesen, wenn er als Etwas Besonderes versagt hätte? Hätte man sich auf das Fehlen des Normalseins gestürzt und nach Heilung geschrieen? Heute wird er genug Erfolgsbonus und Geld angesammelt haben, um Solches nicht fürchten zu müssen..., oder etwa nicht? Steht er vielleicht doch unter dem tonnenschweren Druck, Tag für Tag sein Recht auf Etwas Besonderes mit außergewöhnlicher Leistung verteidigen zu müssen?