Begriffsverständnis: Schwangerschaft ist eine Behinderung?
02.09.08, 11:02:18
55555
geändert von: 55555 - 02.09.08, 11:04:45
Manchmal denke ich muß man ungewöhnliche Wege gehen um effektiv zu wirken. Das Begriffsverständnis von "Behinderung" ist heute überwiegend pathologisch gefärbt. Dieses Verständnis ist jedoch eine Diskriminierung an sich und steht der Integration von "Behinderten" schon von Seiten ganz grundlegender Denkmuster entgegen. Behindert - das sind irgendwelche Krüppel oder Bematschten. Behindert sind andere, Menschen die man in der Regel nicht kennt. Zumindest für einen großen Teil der Bevölkerung.
Deswegen halte ich es für sinnvoll eine Schwangerschaft künftig als Behinderung einzustufen. Nicht aus Chauvinismus oder um Schwangerschaften zu pathologisieren (wer dies als Pathologisierung auffasst entlarvt ein eigenes chauvinistischen Behinderungsverständnis), sondern im Gegenteil um diskriminierende Willkür bei der Festlegung, ob etwas eine Behinderung ist oder nicht, abzuschaffen und den Behinderungsbegriff auch innerhalb der Bevölkerungsmehrheit langfristig zu entpathologisieren.
Maßnahmen, die mit Schwangerschaften zu tun hätten, würden somit künftig in Töpfe umstrukturiert, die unter dem Begriff der Behinderungsausgleiche bezeichnet werden. Dies müsste so vorgenommen werden, daß keine Frau die medizinische Leistungen wegen einer Schwangerschaft möchte darum herumkommt sich selbst zur Erlangung der Maßnahmen als behindert zu bezeichnen, so wie es auch Autisten oder Eltern von Autisten regelhaft zugemutet wird.
Ich denke, wenn Behinderung einmal als normal betrachtet werden soll braucht es auch solche Änderungen. Für die Bewilligung von Leistungen sollten ggf. dieselben Sachbearbeiter zuständig sein wie für jetzige "Behindertenmittel".
Zitat:
SGB9 § 2 Behinderung
(1) Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen und daher ihre Teilhabe am Leben in der Gesellschaft beeinträchtigt ist. Sie sind von Behinderung bedroht, wenn die Beeinträchtigung zu erwarten ist.
Quelle
Fallen jemandem noch ähnliche Zustände ein, die aus rein kulturellen Gründen in Verbindung mit einer selektiv diskriminierenden Haltung nicht als Behinderung begriffen werden, aber die Definition erfüllen könnten?
02.09.08, 11:47:25
tabby
Trotz allem finde ich die Schwangerschaft als Beispiel nicht so geglueckt,
weil bei einer Schwangerschaft ein neues Leben entsteht und der "Behinderungsmoment" andere Ausmasse annimmt und nach 9 Monaten der Spuck vorbei ist. (Mal Problemschwangerschaften ausser Acht gelassen)
Eine schwangere Frau hat nicht die Probleme, die ein anderer hat, der als behindert bezeichnet wird. Vielleicht nur, das sie mit dem Kugelbauch nicht durch alle Tueren passt und nicht so gut stehen kann
Zitat:
(wer dies als Pathologisierung auffasst entlarvt ein eigenes chauvinistischen Behinderungsverständnis)
Ja klar *ironie
(hier tust Du gleich andere Meinungen degradieren in dem Du mit diesem Satz vorbeugst, sehr geschickt)
02.09.08, 12:03:35
55555
geändert von: 55555 - 02.09.08, 12:04:46
weil bei einer Schwangerschaft ein neues Leben entsteht
Ja, interessant. Behinderung = Eigenschaften der behinderten Person müssen gegen gegen das Leben gerichtet sein? Genau solche Weltbilder meine ich. Solches Gedankengut muß verschwinden.
Zitat:
und der "Behinderungsmoment" andere Ausmasse annimmt und nach 9 Monaten der Spuck vorbei ist.
Kannst du das genauer ausführen?
Zitat:
Eine schwangere Frau hat nicht die Probleme, die ein anderer hat, der als behindert bezeichnet wird. Vielleicht nur, das sie mit dem Kugelbauch nicht durch alle Tueren passt und nicht so gut stehen kann
Tatsächlich?
02.09.08, 12:34:53
tabby
Ne Behinderung ist nicht gegen das Leben gerichtet. Behinderte kønnen ja auch schwanger werden, sind diese dann doppelt behindert?
Zitat:
Kannst du das genauer ausführen?
In Bildern ja, hab keine Worte derzeit dafuer
02.09.08, 13:00:02
55555
Behinderte kønnen ja auch schwanger werden, sind diese dann doppelt behindert?
Nach dem Ansatz hier ja.
02.09.08, 15:21:30
Schamanin
Also, ich lehn mich jetzt weit aus dem Fenster:
Politiker sind von Behinderung bedroht, denn ihre geistigen Fähigkeiten und seelische Gesundheit weichen von dem für das Lebensalter typischen Zustand ab und sie sind beeinträchtigt, am Leben der Gesellschaft teilzuhaben. ;)
Der Ansatz gefäll mir gut, werd noch weitergrübeln
02.09.08, 15:27:30
55555
Zu dem Politikerbashing merke ich hier mal nichts an, sonst wird es bestimmt eine lange Abschweifung. Bei Interesse mach einen neuen Thread auf.
02.09.08, 18:27:12
Aldaris~Adun
Zitat:
Menschen sind behindert, wenn ihre körperliche Funktion, geistige Fähigkeit oder seelische Gesundheit mit hoher Wahrscheinlichkeit länger als sechs Monate von dem für das Lebensalter typischen Zustand abweichen
Ich denke deshalb wirst du per definitionem nicht damit 'durchkommen', denn Schwangerschaft kann man ja durchaus als für das Lebensalter typischen Zustand weiblicher Personen zwischen ~14 und ~55 Jahren bezeichnen :P...
Darauf sind sie ausgelegt, vom Ursprung her sogar fast durchgängig, zumindest aber 'immer wieder'.
02.09.08, 22:49:40
55555
Das kommt drauf an, was man für typisch hält und was nicht. Und das ist wieder eine Frage des (diskriminierenden?) Weltbildes.
02.09.08, 22:50:25
haggard
existieren nicht auch schwangere, die eine schwangerschaft als einschränkung ihrer lebensqualität betrachten? die sie "therapiert" sehen wollen? bei denen womöglich sogar deren umfeld die nase rümpft, wenn sie offensichtlich schwanger sind? oder ausgrenzung in den verschiedenen lebensbereichen wegen späterer kinder?
03.09.08, 05:15:33
drvaust
Ich sehe den Begriff 'Behindert' nicht so negativ.
Schwangere sind für mich behindert, wie es auch in der Definition steht.
Als ich mir anfang vorigen Jahres den Arm gebrochen hatte, war ich körperbehindert, auch wenn das nach drei Monaten wieder halbwegs ging.
Meine Augeprobleme sind auch als Behinderung eingestuft.
03.09.08, 07:40:21
Aldaris~Adun
Zitat:
Das kommt drauf an, was man für typisch hält und was nicht. Und das ist wieder eine Frage des (diskriminierenden?) Weltbildes.
Ich habe dies rein aus biologischer Sicht betrachtet, was kein Rollenbild enthält... Freilich steht es heute frei, sich anders zu entscheiden, nichts desto trotz ist es das, auf das der weibliche menschliche Körper eben ab der Adoleszenz biologisch ausgerichtet ist...